Dr. Dorit Feddersen Petersen
Besonderheiten der fühen Verhaltensontogenese auf der
Basis neuronaler Entwicklung
Tagesseminar: Samstag, 8. Mai 2010 von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr
Teilnahme: 80,- € incl. MwSt.
Die postnatale Verhaltensontogenese (Individualentwicklung des Verhaltens) von der Geburt bis zur ca. 12. Lebenswoche der Welpen stellt sich als besonders differenziertes Wechselspiel zwischen Lernprozessen (Informationsgewinn aus der belebten und unbelebten Umwelt) und der Lerndisposition, dem individualgeschichtlich vorgegebenen Rahmen, dar.
Entwicklung unterliegt insgesamt dem Prozess der Reifung, der Vervollkommnung angeborenen Verhaltens ohne Lernen, sowie der Fähigkeit, Verhalten aufgrund individueller Erfahrung so zu ändern, dass es an neue Situationen möglichst gut und zunehmend besser adaptiert ist . Solche Lernprozesse beziehen sich auf die Frequenz, die Intensität, die Dauer und Orientierung von Verhaltensweisen.
Neurobiologisch und –physiologisch ist unter dem Lernen die Änderung von synaptischer Übertragung an Nervenzellen sowie der Eigenschaften und Anzahl der Informationskanäle des wachsenden Zentralnervensystems zu verstehen. Da das Gehirn plastisch ist, kommunizieren um die 100 Millionen Zellen miteinander, verändern sich ständig und die Spuren zwischen ihnen werden breiter, wenn die Welpen bzw. Junghunde interagieren.
Dabei vollzieht sich die Entwicklung in einer differenzierten Wechselwirkung zwischen Genom und Umwelt.
Also bildet eine gewisse Genausstattung „die Tastatur eines Klaviers“, die „Melodien“ aber entstehen in Interaktion mit der Umwelt.
Das Gehirn ist neben der genetischen Disposition stets das Resultat seiner „Benutzung“, was beispielhaft erläutert wird.
1. Fazit:
Züchter und Hundebesitzer müssen wissen, dass Welpen die Einpassung in die ökologische Umwelt „Hausstand, Leben mit dem Menschen“ brauchen, dass sie sich an diese Reize adaptieren können sollten, um auf das Leben mit Menschen vorbereitet wie eingestellt zu sein. Schonhaltungen Welpen gegenüber sind falsch, ebnen vielmehr den Weg für ängstliche Lebewesen.
Als wichtig für das Lernen der Welpen wurde weiter erkannt, dass emotionale Zustände immer mit Fakten assoziiert sind und dass Neurotransmitter (wie Dopamin) ein angenehmes Gefühl produzieren, somit die besten Lernerfolge durch Erfolgserlebnisse in entspannter Stimmung entstehen.
Lernen beruht auf der Aufnahme, der Verarbeitung und der Speicherung verhaltenrelevanter Informationen im Gedächtnis, es erfolgt schrittweise (Lernkurve) und ist ein weitgehend umkehrbarer Prozess bei Hunden, in deren sensiblen Phasen (ca. 3. bis 14. Lebenswoche) ein „prägungsähnliches Lernen“ erfolgt. Eine „Irreversibilität“ im Lorenz´schen Sinne bildet einen Extremwert hoher Stabilität, der dem „prägungsähnliche“ Lernen fehlt. Die Mehrzahl der Lernprozesse und Eigenschaften kann somit geändert, unterdrückt und durch andere Präferenzen oder Verhaltensweisen ersetzt werden.
2. Fazit:
Züchter und Hundehalter sollten wissen, dass sensible Phasen bei Hunden zumeist recht ausgedehnt sind, dass sie sich nicht scharf abgrenzen lassen, vielmehr insbesondere zu Beginn und am Ende graduelle Übergänge aufweisen, sich unterscheiden in Dauer und Art und von einem Funktionskreis zum anderen (und interindividuell) unterschiedlich sein können (artspezifischer/individueller Aspekt).
Eine möglichst normale (entspannte) Haltung den Welpen gegenüber wird sich mit dieser Kenntnis einstellen, ebenso wie ein Eingehen auf individuelle Besonderheiten.
Entwicklung ist kontinuierliche Veränderung, Konsolidierungen, die an beobachtbaren physiologischen, ethologischen und morphologischen Entwicklungsschritten orientiert sind, belegen Phasen. Hier gibt es Rassenunterschiede, die vorgestellt werden.
Es handelt sich dabei nicht um allgemeine Retardationen wölfischen Verhaltens, wie oft angenommen, vielmehr um einen heterochronen Prozess. Unsere Untersuchungen zur frühen Ontogenese verschiedener Hunderassen belegen keine allgemeine Neotenie als Formgesetz, zeigen vielmehr, dass sich Entwicklung durch große interindividuelle Variabilität auszeichnet, dennoch Rassebesonderheiten nachzuweisen sind. Dabei ist ein großer Verhaltensbereich bei vielen Rassen akzeleriert (er tritt früher auf als bei Wölfen) und untere Daten geben der Idee, dass Rassen, die sich morphologisch besonders ausgeprägt vom Wolf unterscheiden (sog. Pädomorphie) sich häufig relativ retardiert entwickeln.
3. Fazit:
Diese Kenntnisse zur frühen Entwicklung verschiedener Hunderassen sind essentiell für Züchter wie Hundehalter, um sich auf Rassebesonderheiten in der Entwicklung ihrer Welpen einstellen zu können.

Referentin:
Dr. Dorit Feddersen-Petersen ist Ethologin und Fachtierärztin für Verhaltenskunde sowie Dozentin am Institut für Haustierkunde der Universität Kiel, wo sie die Arbeitsgruppe vergleichende Verhaltensforschung leitet. In Deutschland ist sie die Expertin zum Thema Hund und Hundeverhalten. Ihr Buch “Hundepsychologie” ist das Standardwerk zur Verhaltensforschung von Wölfen und Haushunden mit vielen neuen Erkenntnissen und verhaltenskundlichen Beobachtungen.
In ihrem neuen Buch: “Ausdrucksverhalten beim Hund” beschreibt Dr. Feddersen Petersen das Ausdrucksverhalten unserer Hunde und seine Bedeutung für das Zusammenleben: Mimik und Körpersprache, Lautäußerungen, Gerüche und Berührungen sowie Kommunikation und Verständigung untereinander und mit dem Menschen.
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